Der Hipster. Er will anders sein. Er will es zeigen. Dazu bedient er sich aller erdenklicher Mittel, gerne aus dem Bereich “Das hat Opa/Oma schon so gemacht” (neudeutsch “vintage”). Dazu zählen neben Second-Hand-Mode, aufwändig gestylte Rauschebärte, Brillen mit dickrahmigem Gestell, Taschenuhren, Seitenscheitel mit kurzgeschorenen Schläfen, hautenge Jeans mit hochgekrempeltem Bein, dafür ohne Socken, um nur einige zu nennen.
Das wichtigste dabei: Es muss anders sein. Kreativ. Extravagant. Cool. Nein! Kreativer. Extravaganter. Cooler.

Diese Stylephilosophie bezieht sich aber nicht nur auf den eigenen Körper sondern wird auf fast alle Bereiche des Hipsterlebens angewandt. Er trinkt lieber Filterkaffee, idealerweise fair gehandelt und bio, als Starbucks, scheut sich aber auch nicht Filialen derartiger Kaffeekulturvermarktungsketten zum “Arbeiten” aufzusuchen. Er schlürft das Trendgetränk der (nächsten) Saison aus ehemaligen Einmachgläsern. Er bastelt sich Möbelstücke aus alten Europaletten. Er ernährt sich sehr bestimmt. Gesund, bio, vegan, fair in beliebiger Kombination, aber bestimmt eben. Er hört Musik von Bands, die idealerweise noch keiner kennt, bis sie bekannt genug sind um “zu mainstream” zu sein. Dann hört er was anderes.

Der Hipster ist ein (Performance-)Künstler. Er selbst ist seine liebste Inszenierung. Und die Show muss gut sein! Warum sollte man etwas tun, das nicht vorzeigbar ist? Und warum sollte man etwas nicht vorzeigen, das vorzeigbar ist?

Selbstironie ist ein wichtiger Bestandteil der Ideologie. Sie ermöglicht es einem Dinge zu tun, die eigentlich nicht mit den selbstgesetzten Regeln konform gehen. Aber es hilft ja nix! Eine gute DSLR-Kamera oder das neueste MacBook gibt’s halt nicht vintage vom Flohmarkt. Und das sind nun einmal unverzichtbare Werkzeuge um auf “Hipstagram” den eigenen kulturellen Vorsprung zur Schau zu stellen.

Er investiert gerne und viel darin unterscheidbar vom Mainstream zu sein, welcher den Hipster gerne als solchen identifiziert und mit Spott belegt. “Warum ist der Hipster ertrunken? Er ist Schlittschuh gefahren bevor es cool war.” Die Kategorie “Hipsterwitz” ward geboren. Der Mainstream reagiert aber nicht nur ablehnend. Im Gegenteil. Einige Trends werden auch aufgegriffen bzw. die Hipster haben ihn eben frühzeitig erkannt.

Das ist auch das Geheimnis der Überlebensfähigkeit dieser schon mehrfach totgesagten Spezies. Wir alle sind ein bisschen Hipster. Der Eine mehr, der Andere weniger. Dies ist auch überhaupt nicht verwunderlich, sind doch viele “Hipstertrends” an und für sich gute Dinge, die erst durch das Bemühen um öffentliche Außergewöhnlichkeit in die Albernheit abrutschen.

Als ich so über das Hipstertum sinniert habe wurde mir klar, dass ich nicht in diese Schublade passen möchte. Ich schaffe mir da lieber meine persönliche Maßanfertigung. Gar nicht so vintage dafür mit handgeschriebenem Etikett und persönlicher Widmung. Da kann gerne ein Schuss Hipster mit drin sein, aber nicht wie in den Witzen, sondern mit Maß und Verstand! Ich bin gerne gut angezogen, will aber weder viel Geld dafür ausgeben noch aussehen wie ein sockenloser Schlumpf mit zu heiß gewaschenen secondhand Hosen. Ich will mich gerne gut ernähren und genießen, aber ohne das als Ersatzreligion zu predigen. Mir ist die Verwirklichung meiner Selbst mittlerweile wichtiger als das Erklimmen vermeintlicher Karriereleitern. Ich mag ungewöhnliche Einrichtungsideen, finde aber Europaletten sehen in Lagerhallen besser aus als in Wohnzimmern.

Nein, ich bin kein Hipster. Ein Hipster mit Hirn vielleicht. Ein Hirnster sozusagen. Ein sparsamer Hirnster, weil Lifestyle mit Geld kaufen kann jeder. Ein Hirnster mit Hartz. Ein Hartzster! Ja, das ist es! Ein Hartzster4life!

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