Die Krawatte. Ein eigentlich völlig nutzloses Kleidungsstück. Sie hat keine praktische Funktion. Wer sie nicht tragen muss, lässt es meistens. Wer sie tragen muss, nimmt sie ab sobald es geht. Diese allgemeine Aversion gegen den “Kulturstrick” bzw. „Managerlätzchen“ breitet sich langsam aus in unserer Gesellschaft. Selbst im deutschen Bundestag wurde die Krawattenpflicht vor einigen Jahren aufgehoben. Coole Startup-Unternehmen verzichten sogar gezielt auf jedwede Form offizieller Kleiderordnung. Man wäre ja auch nicht cool sonst.

Warum gibt es die Krawatte überhaupt noch? Warum hat sie sich so lange gehalten? Wieso kam die überhaupt erst in Mode? Die Antwort ist erstaunlich einfach:

Weil’s geil aussieht.

Thomas
 

Will das jetzt irgendwer anzweifeln?

Ich vermute nicht. Selbst Krawattenphobiker werden die visuelle Wirkung einer schönen, gut gebundenen und gut sitzenden Krawatte nicht verneinen. Sie schließt den Kragen optisch und verdeckt die Knopfleiste. Sie erzeugt damit eine ästhetisch ansprechende Form im direkten Blickfeld des Gegenübers. Durch den geschlossenen Kragen hält man den Kopf automatisch etwas gerader. Die Bewegungen des Oberkörpers werden etwas steifer, aber damit auch aristokratischer.

Mit einem sauber sitzenden gut gewählten Langbinder zum Anzug wirkt Mann einfach akkurat, gut komponiert und etwas aristokratisch. Die Essenz des Gentleman komprimiert in einem einzigen Kleidungsstück sozusagen. Der Anzug drückt aus “Ich meine es ernst”. Die Krawatte ist das Ausrufezeichen hinter dieser Aussage.

Dazu eine kleine Anekdote, über die ich bei der Recherche zu diesem Artikel gestolpert bin. Ein amerikanischer Schriftsteller begab sich für ein soziales Experiment auf einen Busbahnhof in New York, wo er vorgab kein Geld zu haben und Passanten um eine kleine Finanzspritze für den Kauf einer Fahrkarte bat. Einmal trug er dabei Anzug und Krawatte, einmal nur Anzug ohne Krawatte. Mit Schlips waren die Einnahmen viermal so hoch.

Die Krawatte ist also ein zwar unnötiges, aber eben durchaus machtvolles Accessoire. Und deswegen wird sie auch noch lange nicht aussterben.

Zur Hardware

Technisch betrachtet ist eine Krawatte eine simple Konstruktion. Farbe und Muster sind in erster Linie Geschmackssache. Das Material ist eine Qualitäts- und damit Preisfrage, die mir persönlich aber unwichtig ist, da man schon ganz schön nahe ran muss um das überhaupt erkennen zu können.

Als meiner Meinung nach wichtigstes Unterscheidungsmerkmal verbleibt also noch die Breite. Hier gibt es deutliche sichtbare Unterschiede. Die bevorzugte Breite hat sich in der Vergangenheit von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben von sehr schmal (skinny tie) in den 50er bis 60er Jahren hin zu sehr sehr breit bis in die frühen 90er. Nach der Jahrtausendwende hat sich das dann wieder ausgemittelt. Die heute übliche mittlere Breite halte ich auch für die wertstabilste. Das passt eigentlich jedem zu jeder Gelegenheit, wobei zu gewissen Outfits eine eher schmale Krawatte die bessere Wahl sein kann. Das ist zum Beispiel der Fall für einen gezielten 50s/60s Look ala Don Draper aus der Serie “Mad Men”.

Grundregel für die richtige Größenverhältnisse im vorderen Brustbereich ist: Die Krawatte sollte in etwa so breit sein wie das Revers der Anzugjacke.

Ein weiterer Faktor ist die eigene Breite. Eine schmale Krawatte an einem breiten Brustkorb wirkt eher verloren, während ein schmaler Kerl sich durch einen breiten Langbinder noch schmaler macht als ohnehin schon.

Bei der Farbauswahl gibt es eine wirklich sinnvolle Richtlinie: Die Krawatte sollte dunkler sein als das Hemd. Das ist natürlich nicht in Stein gemeißelt, aber wenn nicht absolute Sicherheit in die Alternativauswahl herrscht, ist es besser sich daran zu halten.

Eine Regel aber sollte in Stein gemeißelt werden:

Eine Krawatte wird ordentlich getragen, oder gar nicht!

Thomas
 

Eine schlampig getragene Krawatte ist ein Widerspruch in sich und wird unweigerlich negativ auffallen. Besser abmachen und einstecken.

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