Mehr als nur ein Gentleman

Der Gentleman liegt wieder im Trend. Lifestyle-Magazine für Männer berichten über ihn und es existieren mittlerweile zahlreiche Blogs, die sich dem Thema “Der moderne Gentleman” verschrieben haben. Dort findet man dann viele Bilder von eleganten Männern in gut sitzenden Anzügen und wohlkomponierten Accessoires, teuren Uhren am Handgelenk, die mit Luxusfahrzeugen posieren oder ähnliches. Andere beliebte Themen sind edle Alkoholika, Gesichtshaartracht nach alter Väter Sitte und manchmal auch noch Frauen und Beziehungen zu selbigen. Irgendwo in den Tiefen solcher Blogs findet man auch manchmal Fragmente, welche darauf hinweisen, dass zu einem wahren Gentleman auch so etwas wie innere Werte und eine gewisse Haltung gehören, die aber vom immerwährenden Wellengang aus Lifestyle und Fashion dahingespült werden wie Fußspuren im Brandungsbereich eines Sandstrands.

Der Begriff des Gentleman hat in der Neuzeit eine deutliche Fokussierung auf den modischen Aspekt erfahren, was aber nicht ungewöhnlich ist. Er hat über die Jahrhunderte seiner Existenz schon mehrfach seine Bedeutung den Gegebenheiten der jeweiligen Zeit angepasst. Ursprünglich musste Mann adlig sein und gelehrt um als “gentil” zu gelten. Dazu kam tugendhaft, ehrenvoll und bestrebt Gutes zu tun. Blaublütigkeit als Voraussetzung wurde irgendwann abgelöst von einer einem Gentleman würdigen Haltung mit entsprechendem Verhalten.

Der Kleidungsstil wird dabei die längste Zeit überhaupt nicht erwähnt, was vermutlich mit den relativ strikten Keidungsnormen begründet ist, die in der besseren Gesellschaft im England dieser Tage galten. Man wusste, wie es sich zu kleiden galt, und tat es einfach. Erst mit dem Auftreten der Dandys wurde die Mode zu einem definierenden Faktor. Dandys rekrutierten sich vorwiegend aus dem Felde der Gentlemen, nutzten aber Mode und Lebensstil um aus deren Masse herauszustechen. Sie erhoben die überhebliche Eitelkeit zu einer Tugend.

Ich schreibe es diesen schillernden Dandys zu, dass der Begriff des Gentleman heutzutage stark mit klassischer Herrenmode und äußerlichem Erscheinungsbild generell verwoben ist, so wie es folgendes Zitat verdeutlichen mag:

Ein wahrer Gentleman ist jemand, der nichts dem Zufall überlässt. Es reicht nicht, dass man sich tadellos kleidet und dass alles makellos gepflegt ist. Die ganze Erscheinung muss vollkommen sein. […] Sind die Fingernägel gut manikürt? Sitzt der Hut im rechten Winkel? Ist der Regenschirm so eng gerollt, wie es sich gehört? Alle diese Fragen muss ein Gentleman sich stellen, sobald er mit dem Frühstück fertig ist.

Nick Yapp in Bernhard Roetzel: Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode, 1999, S. 8.

 

Meiner Auffassung nach ist das zu kurz gegriffen und etwas oberflächlich. Ein moderner Mann muss doch mehr zu bieten haben als nur eine schöne Hülle und gute Manieren! Martin Scherer, Autor des Buches “Der Gentleman. Plädoyer für eine Lebenskunst”, sieht das wohl ähnlich und definiert seinen Gentleman sehr stark über dessen Charakter und Wertesystem. Er formuliert das sehr schön so:

Hinter dem Gentleman verbirgt sich – ausgesprochen oder nicht – eine bestimmte Lebenskunst, in der sich in besonderer Weise Reflexion und Erfahrung, stolze Einsamkeit und soziale Kultur verdichten.

Martin Scherer: Der Gentleman. Plädoyer für eine Lebenskunst, S. 9.

Der Grandseigneur

Das Bild des Gentleman ist doch relativ stark vorbelastet und das auch noch auf unterschiedliche Weisen. Bei den Meisten dieser Weisen kommen mir aber die geistigen Aspekte etwas zu kurz. Ich halte es für wenig erstrebenswert nicht mehr als eine altmodisch höfliche aber dekadent lasterhafte Schaufensterpuppe zu verkörpern. Meine Ansprüche sind da weitläufiger.

Ich will jemand sein, der interessant ist wegen dem was er sagt und nicht nur wie er dabei aussieht. Jemand, den man gerne um Rat bittet und der diesen Rat auch geben kann. Der die Welt nicht nur gesehen, sondern auch weitestmöglich verstanden hat. Jemand, der sich auskennt in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Jemand, der “besser” von “gut” unterscheiden kann. Jemand, der seinen Stil, Geschmack und Weisheit gerne teilt und zum Wohle seiner Umwelt und Mitmenschen einsetzt. Kurzgesagt jemand, der eines Tages nicht nur als ein Gentleman sondern darüber hinaus als Grandseigneur wahrgenommen und geschätzt wird. Ein modisch einwandfreies und gepflegtes Äußeres sowie Genuss gehen damit wie selbstverständlich einher ohne jedoch zum bestimmenden Faktor zu werden.

Ich werde diesen Blog unter anderem dazu nutzen um meine Interpretation des Weges, den es hierbei zu beschreiten gilt, in einer Reihe von Artikeln darzulegen. Dran bleiben!

No Comments