In diesem Beitrag gehe ich auf die wichtigsten Charaktere und der ihnen vom Autor zugedachte Bedeutung kurz ein. Tatsächlich geht alles noch viel tiefer und man könnte über jede Figur im Roman mehrseitige Abhandlungen schreiben, aber das überlasse ich dann doch den Literaturwissenschaftlern.

Nick Carraway ist die erste Figur, die wir kennenlernen. Er etabliert sich selbst gleich als glaubwürdiger Erzähler und neutraler Beobachter, was man ihm aber nicht einfach so abkaufen sollte. Er erfüllt die Aufgabe in auffälliger Neutralität und Passivität bis hin zur Teilnahmslosigkeit. In der ganzen Geschichte führt er eigentlich nur eine einzige Aktion durch, die einen Effekt auf die Handlung hat: Er organisiert das Treffen von Jay Gatsby und Daisy Buchanan. Ihm zur Seite gestellt ist Jordan Baker, eine hochgewachsene Golferin und Socialite, die sich nicht zu Schade ist ihren sportlichen…und damit auch gesellschaftlichen…Erfolg durch Schummelei voran zu bringen. Beide gehen eine zeitweilige unverbindliche und leidenschaftslose Beziehung miteinander ein und entschwinden am Ende wieder in die Weiten des Landes.

Beide repräsentieren einen Teil der amerikanischen Gesellschaft, der es in den engeren Dunstkreis der Eliten des Alten Geldes geschafft hat und dabei nicht immer ganz ehrlich war. Sie beobachten das Spiel der Reichen neugierig, ohne aber wirklich daran teilzunehmen.

Tom Buchanan ist Spross einer stinkreichen alten Familie und der Ehemann von Daisy. Er wird als kräftig, raubeinig, unbarmherzig, brutal, arrogant und herablassend beschrieben. Er ist offen rassistisch und geniert sich auch nicht über Schwarze herzuziehen während ihm diese in Form seiner Bediensteten das Essen servieren. Er ist seiner Frau untreu, seinen Mitmenschen gegenüber gleichgültig und dem Emporkömmling Jay Gatsby gegenüber sehr misstrauisch. Dazu bekommt er gleich zu seiner Vorstellung eine sehr tiefgründige Deklassierung von Nick in dessen Rolle als Erzähler serviert.

…einer jener Männer, die es mit einundzwanzig auf begrenztem Gebiet zu solcher Meisterschaft bringen, dass alles, was danach kommt, den Beigeschmack des Abstiegs hat.

Nick Carraway über Tom Buchanan

Seine Figur steht für das “Alte Geld”, den de facto Adel der US-amerikanischen Gesellschaft, dessen Existenz diese eigentlich lieber verneint.

Daisy Buchanan ist Nick’s Cousine, auffallend schön und aus angesehenem alten Hause. Sie spricht in einer Art melodischem Singsang, der jeden in seinen Bann zieht. Ihre Stimme wird als “voller Geld” beschrieben. Sie ist notorisch gelangweilt, zynisch und eher unglücklich mit Tom verheiratet. Sie hat eine Tochter, um die sie sich offenbar kaum selbst kümmert und die nur zweimal in der gesamten Geschichte kurz auftaucht, beim ersten Mal vielleicht nur um Daisy folgenden Ausspruch zu ermöglichen:

Und ich hoffe, sie wird ein Dummchen. Das ist das Beste, was einem Mädchen auf dieser Welt passieren kann: Ein hübsches kleines Dummchen zu sein.

Daisy Buchanan

Sie hat Jay Gatsby als jungen Offizier auf einer Party im Hause ihrer Eltern kennen und lieben gelernt ohne zu wissen, dass er mittellos ist, konnte aber nach mehreren Jahren des Wartens den Avancen von Tom Buchanan in Form einer sehr wertvollen Perlenkette nicht länger widerstehen.

Daisy symbolisiert die Verlockungen des Reichtums. All die schönen Dinge, die er ermöglicht und die jeder haben möchte. Sie ist quasi die Personifizierung des Materialismus.

Jay Gatsby bleibt lange eine mysteriöse Figur, um die sich viele Gerüchte ranken. Sicher ist nur, dass er unfassbar reich ist und die größten und ausschweifendsten Parties von ganz New York in seiner pompösen Villa ausrichtet. Zahllose Feierlustige, darunter Filmstars, Mafiosi, führende Politiker und der Polizeichef, strömen uneingeladen zu diesen Feiern, laben sich an seinem Alkohol ohne je zu erfahren wer ihr Gastgeber tatsächlich ist. Auch der Leser oder Zuschauer erfährt erst nach und nach mehr, erst über Gatsbys feinsäuberlich erschaffene Selbstdarstellung und erst gegen Ende zu seiner wahren Herkunft. Er ist unsterblich in Daisy verliebt und all sein Handeln, sein Reichtum und seine Parties dienen allein einem Zweck: Daisy für sich zu gewinnen und zwar endgültig.

Jay Gatsby ist die Verkörperung des amerikanischen Traumes. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Es geht immer weiter und immer aufwärts. Mit allen Mitteln. Seine Zuversicht ist so grenzenlos, dass er glaubt die Vergangenheit wiederholen zu können um damit seine Zukunft perfekt zu gestalten.

Mein Leben muss so sein … es muss immer aufwärts gehen.

Jay Gatsby

Der dubiose Meyer Wolfsheim steht für die organisierte Unterwelt, die im Geheimen die Zügel in der Hand hält und ohne die Gatsby nie zu Reichtum gekommen wäre. Er ist extrem opportunistisch und seine aus menschlichen Backenzähnen hergestellten Manschettenknöpfe deuten auf über Leichen gehende Skrupellosigkeit.

Das sollte genügen für heute. Im nächsten Teil gehen wir auf eine handvoll besonderer Szenen ein.

No Comments