In Teil 4 schauen wir uns ein paar markante Szenen an und analysieren diese. Das hilft eine Vorstellung davon zu bekommen, wie F. Scott Fitzgerald gearbeitet hat und auch andere Stellen zu entschlüsseln. Ich könnte die gesamte Geschichte auf diese Art durchleuchten, aber das wäre dann endlos. Deswegen begrenze ich das auf vier Stück, die für mich prägnant sind und beim einfachen Ansehen bzw. Lesen vielleicht nicht so aufgefallen sind.

Der schrottreife Wagen

Diese Szene hat es leider nicht komplett in die neueste Verfilmung geschafft. Der Autounfall wird hier nur angedeutet, aber leider nicht zu Ende geführt, was ich persönlich sehr schade finde, da das Ganze urkomisch und gleichzeitig sehr tiefgründig ist.

Nach einer von Gatsbys gigantischen Parties machen sich die verbliebenen Gäste auf zurück nach New York. Einige Volltrunkene besteigen ein Automobil und brausen davon, krachen aber schon wenige Meter weiter in einen Mauervorsprung, wobei ein Rad des Wagens glatt abbricht. Das hält den Fahrer aber nicht davon ab, zu versuchen es weiter zu fahren, trotz aller Widrigkeiten, inklusive der eigenen Inkompetenz. Er fragt nur nach der nächsten Tankstelle.

Ein weiteres Symbol für den unerschütterlichen Glauben einiger an den amerikanischen Traum und den blinden Optimismus derjenigen, die ihn berauscht verfolgen, an die Wand fahren und dabei jemandem gleichen, der versucht ein totes Pferd zu reiten.

Hemden und Tränen

Diese Szene ist sicher einer der am seltsamsten anmutenden im ganzen Roman, solange man die Protagonisten als rein menschliche Charaktere betrachtet.

Gatsby führt Daisy und Nick durch sein Haus und demonstriert all seinen Reichtum. In seiner Garderobe findet sich eine unvergleichlich reichhaltige Kollektion feinster Hemden aus erlesenen Stoffen, importiert aus England und handverlesen von einem eigens dafür engagierten Einkäufer. Gatsby wirft die Hemden in die Luft und lässt sie herabregnen auf Daisy, welche davon so verzückt ist, dass sie in Tränen ausbricht und sagt:

Es sind so wunderschöne Hemden. Das macht mich furchtbar traurig – ich habe noch nie zuvor so… so wunderschöne Hemden gesehen.

Daisy Buchanan

Welcher normale Mensch fängt wegen ein paar Hemden das Heulen an? Welche Millionärsgattin lässt sich von so etwas schnödem zu Tränen rühren? Weint sie wirklich nur wegen der verlorenen fünf Jahre?

Zur damaligen Zeit galt alles aus England als besonders edel, wertvoll und damit teuer. Daisys Reaktion ist also eine Art Orgasmus des offen zur Schau gestellten Materialismus. Es ist aber nicht Gatsby selbst, der sie erregt, sondern die Eleganz und der Lifestyle mit dem er seinen unglaublichen Reichtum zelebriert und der in dieser Kombination offenbar den ohnehin schon massiven Reichtum der Familie Buchanan bei weitem übertrifft.

Liebe auf den ersten Blick

In einer Rückblende beschreibt Nick, wie Jay Gatsby als junger Leutnant in Uniform, welche seine Mittellosigkeit verbirgt, bei einem großen Empfang im Haus von Daisys Vater diese kennenlernt und sich direkt in sie verliebt. In der Beschreibung der Szene wird nicht klar, ob sich seine Obsession tatsächlich auf Daisy als Person richtet oder doch mehr auf deren Reichtum in Form der Schönheit des Hauses, dessen Einrichtung und des Glanzes der Idee darin zu leben.

Der amerikanische Traum sehnt sich nach der Glückseligkeit des Reichtums und dem Glanz, der die Zugehörigkeit zum alten Geld verspricht. Dabei ist Daisy, also materieller Reichtum, gar nicht mal das tatsächliche Ziel der Begierde.

Wendepunkt im Hotel

Gatsby ist es nicht genug, dass Daisy ihn jetzt liebt. Er will, dass sie Tom ins Gesicht sagt, sie habe ihn niemals geliebt. Tom zerstört das Kartenhaus des so sorgfältig inszenierten Bildes, welches Gatsby von sich selbst gezeichnet hat um in die sozialen Kreise des alten Geldadels aufsteigen zu können. Gatsby verliert kurz seine Haltung zeigt sein wahres Gesicht, das wirkt als hätte er jemanden umgebracht. Das in greifbarer Nähe geglaubte Ziel seiner Sehnsüchte wird ihm plötzlich entrissen. Sein Versuch des Aufstiegs ist beendet. Er will es aber noch nicht wahrhaben. Seine unendliche Hoffnung blendet alles aus und er fährt sehenden Auges den Karren an die Wand in einer Art Wiederholung der Szene mit dem schrottreifen Auto, welche ich als erstes behandelt habe.

All der Reichtum genügt nicht. Das alte Geld mag keine Emporkömmlinge und wehrt sich gegen deren Bestrebungen dazu zu gehören. Geld allein gilt nicht als Eintrittskarte und wer das nicht rechtzeitig erkennen will, auf den wartet ein böses Erwachen.

In Teil 5 gebe ich noch ein Fazit der Gesamtinterpretation.

No Comments