Zum Abschluss der Reihe erstmal ein paar Fun Facts bevor wir ans Eingemachte gehen.

Zeitweilig trug der Roman den Titel “Zwischen Aschehaufen und Millionären”, was der Lektor Maxwell Perkins dem Autor F. Scott Fitzgerald aber noch austreiben konnte. Letzterer war aber nie zufrieden mit dem Titel und wollte ihn bis kurz vor Drucklegung noch ändern. Die erste Ausgabe des Romans hat sich sehr schlecht verkauft und Fitzgerald gab zum Teil dem Titel die Schuld. Als er 1940 starb, war er der Überzeugung, sein Gesamtwerk würde schlicht vergessen werden.

Mit etwas mehr als 47.000 Worten auf weniger als 200 Seiten ist “Der große Gatsby” eher eine Novelle als ein voller Roman. Zum Vergleich: Der erste Band von “Fifty Shades of Grey” zählt 107.000 Worte im Original. Fitzgerald hat seine Worte aber gut genutzt und darin die amerikanische Gesellschaft der “Roaring Twenties” und den amerikanischen Traum so gekonnt und vielschichtig dekonstruiert, dass Literaturwissenschaftler auch heute noch gerne daran heruminterpretieren. Das dürfte bei 50 Shades eher nicht der Fall sein.

Der Erzähler, Nick Carraway, ist höchstwahrscheinlich schwul und dann auch in Gatsby verliebt. Er überidealisiert ihn wie Gatsby seine Daisy überidealisiert. Das unterminiert stark die Rolle als zuverlässiger Erzähler, die Nick sich selbst zugeschrieben hat. Er ist auch nicht halb so von hoher Moral, wie er selbst den Leser glauben lässt. Er ist Zeuge zahlreicher unmoralischer Handlungen, protestiert aber nicht. Stattdessen hilft er sogar bei der einen oder anderen. Am Ende tut er so, als seien die Anderen die bösen und nur er besitze Integrität und Moral…und wir glauben es ihm eigentlich gerne.

Daisys Charakter ist ebenfalls durch und durch verdorben. Sie ist materialistisch, kümmert sich nicht um ihre Tochter, begeht ohne zu zögern Ehebruch, will feige der Konfrontation ausweichen, fährt betrunken Myrtle Wilson tot, begeht Fahrerflucht, lässt Gatsby im wahrsten Sinne des Wortes die Kugel für sie nehmen, taucht nicht mal auf seiner Beerdigung auf und verschwindet stattdessen ungerührt in den weiten des Landes.

Gatsby selbst ist auch weit weniger sympathisch als er einen glauben lässt. Er lässt sich auf illegale Geschäfte mit zwielichtigen Typen ein. Er lügt wie gedruckt. Er benutzt Menschen wie Nick und Jordan opportunistisch um an sein Ziel, eine verheiratete Frau und Mutter, zu gelangen. An die Existenz ihres Kindes glaubt er erst gar nicht. Aber auch als er es mit eigenen Augen sieht, kümmert ihn dessen Verbleib nicht wirklich. Daisy übrigens auch nicht. Er will Nick mit einem seiner dubiosen Geschäfte zu etwas Geld verhelfen und versteht erst nicht, dass dieser ihm den Gefallen einfach nur so gemacht hat. Etwas, das in seinen Unterweltkreisen so nicht vorkommt. Man verzeiht es ihm aber gerne, wegen seiner unglaublichen Hingabe daran seinen Traum zu verwirklichen. Das stellt ihn letztendlich doch über alle anderen Charaktere in diesem Roman: Er hat einen Traum und er tut alles für ihn.

Und die Moral von der Geschicht…

Reichtum konsumiert. Er konsumiert die Reichen während diese selbst die Armen konsumieren. Der amerikanische Traum ist ein fauler. Er stürzt die Träumer leicht in den Abgrund. Wer glaubt ihn mit Reichtum erfüllen zu können, wird davon vergiftet. Die bereits Reichen betrachten das Schauspiel abfällig. Die Gestürzten bleiben am Straßenrand liegen und niemand kümmert sich.

Sie waren leichtfertige Menschen, Tom und Daisy – sie zerstörten Dinge und Lebewesen, und dann zogen sie sich wieder in ihr Geld oder ihre grenzenlose Leichtfertigkeit zurück oder was immer es war, das sie zusammenhielt, und ließen andere das Chaos beseitigen, das sie angerichtet hatten.

Nick Carraway

Trotzdem beendet Fitzgerald den Roman irgendwie versöhnlich wirkend mit den vielleicht berühmtesten letzten Sätzen der Literaturgeschichte.

Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals entwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus… Und eines schönen Tages… So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.

Nick Carraway

Immer schneller, immer weiter…und trotzdem können wir unserer Vergangenheit nicht davonlaufen.

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