Es macht wohl wenig Sinn an eine Küste zu fahren und dann das anliegende Meer zu ignorieren. Das hat es nicht verdient. Speziell nicht, wenn es so gut aussieht wie an der Cote d’Azur.

Die meisten Strände dort sind räumlich begrenzt, sprich eben nicht kilometerlang. Ein Teil der Fläche wird von diversen Strandclubs beansprucht, die gegen Gebühr Liegen und Sonnenschutzbauten offerieren. Getränke und Snacks gibt es ebenfalls zu kaufen. Aber auch der sparsame Selbstversorger kommt an den öffentlichen Abschnitten auf seinen kostenfreien Zugang zum azurblauen Mittelmeer. So kann sich jeder den Strandbesuch gemäß seiner façon beziehungsweise seinem Portmonnaie gestalten.

Der berühmteste der Strände ist auch gleichzeitig der längste. Der Plage de Pampleonne liegt ein Stück außerhalb von Saint Tropez und gehört eigentlich zur Stadt, sondern zur Nachbargemeinde. Dort erwartet den geneigten Besucher ein fünf Kilometer langer weißer Sandstrand, einige sehr exklusive Strandclubs und in den Sommermonaten immer auch gute Aussicht auf mehrere Luxusyachten.

Le Club 55

Der berühmteste dieser exklusiven Clubs ist gleichzeitig auch der älteste. Er trägt sein Gründungsjahr im Namen. Le Club 55. Er liegt ziemlich in der Mitte des Plage de Pampleonne und verfügt über einen Bootssteg, von welchem aus das Motorboottaxi die sicher reichen, vermutlich auch schönen und teilweise sogar richtig berühmten Bewohner von den ankernden Luxusyachten zum Mittagessen im le Club abholt.

Le Club 55

Eingang zum Club 55

Die Gründungsgeschichte ist durchaus erzählenswert. Ein Pärchen Dokumentarfilmer muss 1953 wegen eines Sturmes an dem damals völlig menschenleeren Strand anlanden. Den Beiden gefiel dieser gottverlassene Strand so sehr, dass sie von nun an dort leben wollten. Sie kauften ein Stückchen davon und errichteten einige kleine Hütten und taten es einfach. Kein Strom, kein fließend Wasser, ja nicht einmal eine ordentliche Straße gab es dort damals. Die Küche bestand aus einem Gaskocher in einer der Baracken.

Irgendwann verirrten sich ein paar Leute auf der Suche nach einem Drehort an den Strand und verwechselten die drei Holzhütten mit einem Strandbistro. Familie Colmont bewirtete die Neuankömmlinge aus purer Gastfreundschaft ohne je den Status der Lokalität aufzuklären. Die Filmleute buchten Madame Colmonts Verpflegungskünste für die nächsten drei Wochen…für 80 Leute. Die gesamte Crew des Films “…und ewig lockt das Weib!”, von Brigitte Bardot bis zum letzten Kabelträger. Vollpension. Sie tat es einfach und drei Wochen lang merkte niemand, dass es sich hierbei gar nicht um ein Restaurant handelte. Deswegen kam ein Teil der Belegschaft auch nach Abschluss der Dreharbeiten einfach wieder.

Monsier Colmont hatte nun aber die Nase voll von seinem Scheinbistro. Er ging zur Handelskammer der Stadt und meldete den Betrieb als “Le Club 55” an. Neben dem Namensschild stellte er noch ein zweites auf mit dem Hinweis, dass hier nicht der Chef kocht und kein Gast ein König sei, sondern ein Freund. Das wurde das Motto des Clubs, der auch heute noch nach diesem Prinzip von der Familie Colmont in Form von Patrice de Colmont, dem Sohn des Gründers, geführt wird.

Yachten vor dem Club 55

Yachten vor dem Club 55

Jeder Gast wird gleich behandelt. Keiner wird auf Händen getragen. Völlig egal, wie reich und/oder berühmt sich derjenige glaubt. Ohne rechtzeitige Reservierung hat man keine Chance einen Tisch zu bekommen. Die Karte ist kompakt und seit Jahrzehnten kaum verändert worden. Dafür gibt es sie auch nur in Französisch. Die Preise sind gesalzen, aber nicht exorbitant. Das eigene Auto wird vom Parkwächter galant zwischen die Luxuskarossen der anderen Gäste gestellt. Ein Ticket gibt es nicht. Der Mann weiß einfach, wessen Auto wem gehört.
 
 
Drinnen herrscht ein gewisser Treibgut-Charme. Man sitzt halb im Freien unter Bäumen. Verwitterte Äste dienen einigen schattenspendenden Planen als Halterung. Tische und Stühle wirken über viele Jahre angesammelt und sind es wahrscheinlich auch. Alles ist in Weiß und Blau gehalten. Auch die sonst überhaupt nicht uniforme Kleidung des Personals…und der meisten Gäste. Wer nicht passend gekleidet ist, kann sich im Strandshop noch entsprechend versorgen. Schnäppchen sollte man allerdings nicht erwarten.
 
Meine liebste Beschäftigung während des Wartens auf das Essen, ist es zu raten, wer von den Gästen nun wirklich reich ist und welche nur mittelmäßig wohlhabend. Das ist überhaupt nicht leicht und wird auch nie wirklich aufgeklärt. Unterhaltsam finde ich es trotzdem.
 
Kleiner Tipp am Rande: Die Preise sind pro Person ausgezeichnet, auch wenn das Gericht für zwei Personen Minimum ist. Und ein Steak tartare ist weder medium noch well, sondern roher Hackepeter. Das lernt man zusammen damit die Contenance zu bewahren, wenn man seinen Fehler bemerkt.
 

Hier noch ein schöner Artikel in der FAZ zum Club 55, der noch mehr ins Detail geht.

Patrice de Colmont erzählt von den Anfängen des Clubs.

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