Das wird jetzt kein Grantler. Also kein so richtiger zumindest. Ein bisschen granteln muss man bei dem Thema aber schon. Ob man nun will oder nicht. Mir geht es hier aber mehr darum die Situation zu analysieren ohne dabei zu emotional zu werden.

Ach ja, das Thema! Es geht um Oktoberfest und Mode…also Tracht…und auch wieder nicht. Denn Tracht ist ein ziemlich eng definierter Begriff.

Die Tracht ist die traditionelle Kleiderordnung einer bestimmten Region, eines Standes oder der Angehörigen einzelner Bevölkerungsgruppen, z. B. Ethnien (Volksgruppe) oder Berufsgruppen.

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Was man im Allgemeinen so als “Tracht” kennt, also Lederhosn und Dirndl, ist eigentlich “nur” die oberbayerische Gebirgstracht bzw. eine Interpretation davon. Das jetzt als die Tracht anzusehen entspricht etwa dem Eindruck vieler Amerikaner, alle Deutschen würden ständig mit dem Maßkrug in der Hand in Lederhosen rumlaufen und “Ein Prosit” singen.

Eine echte Tracht ist eigentlich die Uniform eines Brauchtumpflegers, an der man ähnlich militärischer Abzeichen, die Herkunft, regional sowie sozial, ablesen kann. Ich muss jetzt zugeben, dass man das mit etwas geübtem Auge und Menschenkenntnis auch sehr gut auf der Wiesn machen kann, auch wenn da die Wenigsten eine echte Tracht sondern vielmehr sogenannte Landhausmode tragen. Der Unterschied ist hier, dass die Tracht strikten Regeln folgt, die Tradition bewahren soll, während in der Landhausmode fast alles erlaubt ist.

In der Landhausmode verwendet man traditionelle Elemente und interpretiert und kombiniert diese mehr oder weniger frei zu etwas neuem. Das finde ich prinzipiell eigentlich gut. Ich mag alte Formen, aber neue Technik und frisches Denken. Stupides Bewahrertum halte ich für wenig förderlich. Derart modernes Denken birgt aber auch Gefahren. Alte Teile zu etwas völlig neuem kombinieren fand zum Beispiel Dr.Frankenstein aus Mary Shelly’s weltbekanntem Roman eine gute Idee. Wie das Ergebnis ausgesehen hat ist jedem bekannt. Und so kommt es, dass man beim Schlendern durch die Gassen des Oktoberfestes viele schöne Kostüme, einige nicht so schöne und sehr sehr viele Dr.Frankenstein-Monster sieht.

Viele, speziell Menschen die nicht aus Bayern stammen…wenn man die auch als Menschen akzeptiert…haben keinerlei Verbindung zu den Traditionen der Tracht. Für die ist das faktisch identisch zu einem Karnevalskostüm. Und so verhalten sie sich auch, wenn sie sich ein Oktoberfest-Outfit zulegen.

Ein Suchbild für Trachtenschrecklichkeiten.

Ein Suchbild für Trachtenschrecklichkeiten.

Für mich kristallisieren sich da ein paar unterschiedliche Typen von Karnevalisten sowie Oktoberfesttouristen heraus.

The Faschingionistas

Für sie zählt nur das Beste. Das Outfit muss perfekt sein und perfekt ist es erst wenn auch andere Faschingionistas anerkennende Blicke werfen. Geld ist sekundär wenn es darum geht das überzogene Selbstbild zu transportieren und wenn man vor der Käfer-Botox-Schenke nicht im neuesten Schrei vom Lodenfrey erscheint bleibt man besser gleich in der Geisterbahn. Besonders faszinierend finde ich die Gattung Trachten-Adliger, die ihr Kostüm offenbar mit preußischer Akkuranz zusammenstellen ließen und nur in perfekt frisiertem, manikürtem und eingecremten Zustand den Weg in die Wildnis eines Bierzeltes zu wagen scheint. Man sieht den Leuten irgendwie an, dass die trotz ihres Jägeroutfits inklusive echtem Gamsbart allein mit einer Axt im Wald vor sich selber Angst hätten, wo ein echter bayrischer Landbewohner erstmal einen Baum fällen würde nur um das Beil mal auf ordnungsgemäße Funktion zu prüfen. Die Damen sehen perfekt aus im maßgeschneiderten Designer-Dirndl und hochgradig durchaccessoiriert, brauchen aber dringend Hilfe…von ihren preußischen Trachtenbaronen…beim Champagnerkrug-Halten.

Ich finde diese Jet-Set-Trachtler super! Äußerst unterhaltsam in jedem Falle. Ich muss nicht unbedingt mit denen feiern, aber zum Beobachten sind die erstklassig.

Die Käfer-Schenke. Laufsteg der Faschingionistas.

Die Käfer-Schenke. Laufsteg der Faschingionistas.

Der Trachtenhipster

Mit seinem imposanten Vollbart sieht er zumindest so aus als könnte er Bäume fällen. Für einen echten Holzfäller sitzt dann allerdings die Frisur zu gut, wobei die schiere Menge an Pomade im Haar der Schutzwirkung eines gewöhnlichen Bauhelms durchaus nahe kommen könnte. Zum Einsatz kommen nur hochwertig wirkende Lederhosen oder Jancker, die gewagt mit Teilen aus der regulären Hipstertracht kombiniert werden. Dabei wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass die Tattoos und Piercings gut zur Geltung kommen. Das geht besonders gut, wenn man die Weste ohne Hemd drunter trägt.

Die Rebellinnen

Sie wollen zwar mitmachen, aber gleichzeitig auch deutlich machen, dass sie anders sind. Das sind dann so Mädels, die lieber Lederhosen anziehen als sich in ein Dirndl zu zwängen. Kann man mal machen und wenn der Inhalt passt ist die Verpackung meist sowieso eher Nebensache. Manche Mädels würden selbst in einem Rupfensack noch sexy aussehen, ob sie wollen oder nicht. Aber egal wie rum man es dreht, es geht einfach nichts über ein eher klassisches mindestens knielanges Dirndl. Das ist praktisch die Kulmination der Damenmode. Fast jede Frau sieht in einem ordentlichen Dirndl einfach signifikant besser aus als in ihrer regulären Kleidung oder der Anti-Dirndl-Lederhosen. Dieses Phänomen ist ziemlich exklusiv weiblich. Die Burschen können gar nicht so rebellisch sein, als dass sie auch nur in Betracht ziehen würden in ein Dirndl zu schlüpfen…und das ist gut so!

Die Landhaus-Gothen

Es gibt da eine Spielart der Landhausmode mit der ich mir etwas schwer tue. Ach, wen soll ich belügen? Ich find die richtig albern! Dabei werden einfach (sehr) grober Leinenstoff oder gar Jute in wallenden Schnitten mit ein paar Hirschimitatknöpfen und etwas Edelweiß- oder Hirschkopf-Stickerei versehen und fertig ist das Kostüm für Leute, die gerne ein wenig so aussehen wollen wie bäuerliche Leibeigene aus dem Mittelalter, aber halt nicht so richtig. Furchtbar ist es, da es nichts Halbes und nichts Ganzes darstellt und dazu noch einfach nicht schön ist. Solche Outfits sind dann zu gewollt Trachtenstyle um auf einem Mittelalterfest passend zu wirken und zu ungewollt mittelalterlich um auf dem Oktoberfest angemessen zu sein. Kurzum, es sieht einfach überall sch…recklich aus.

Die Täuscher

Die Täuscher sind keine Bayern und wollen es wahrscheinlich auch gar nicht sein. Sie wollen sich auch keine Lederhose oder überhaupt etwas aus einem Trachtengeschäft kaufen. Aber sie wollen so aussehen als ob und sind raffiniert! Und so wird eine braune kurze Hose mit einem blaukarierten Businesshemd zum Trachtenersatzfaschingskostüm, dass bei nur flüchtiger Musterung als fast original durchgeht. Nach der zweiten Maß Bier ist es eh wurscht!

Die Unauffälligen

Die große Masse der Menschen will nicht auffallen. Vor allem nicht unangenehm. Sie geben sich also Mühe dazu zu gehören…aber ja nicht zu viel. Da kann man jetzt eigentlich nichts gegen sagen…solange die Rechnung aufgeht. Es ist vielleicht nur a bisserl Schade, weil die Leute aus Schüchternheit unter ihrem Potenzial bleiben. Vielleicht ist es so aber auch besser und bei mehr Mutigen würde die nächste Kategorie nur noch mehr anwachsen…

Die Schrecklichen

Auch beim regulären Fasching oder Karneval gibt es eine starke Fraktion an Leuten, die offenbar der Meinung sind, das Thema wäre möglichst furchtbar auszusehen. Und damit meine ich nicht halloween-fürchterlich sondern schrecklich-fürchterlich-hässlich-furchtbar.

Der Klassiker der Trachten-Affronts. Chucks zum Dirndl.

Der Klassiker der Trachten-Affronts. Chucks zum Dirndl.

Dabei ist die Obergrenze wohl schon wieder ein Klassiker für sich: die Chucks/Turnschuhe zum Dirndl/Lederhosen. In 20 Jahren werden viele glauben, das sei echt traditionell. Mich wunderts, dass da noch nicht Modelle mit Hirschimitatknöpfen und Edelweißstickerei verkauft werden. Die Hersteller haben wohl doch noch so etwas wie Hemmungen. Mehr Aufmerksamkeit will ich dem gar nicht widmen.
 
Speziell bei Touristen sehr beliebt sind Trachten-Kostüme. Wichtig dabei, es muss möglichst billig sein und dabei maximal albern aussehen. Gewonnen hat wer keine Schmerzgrenze in Sachen Geschmacklosigkeit demonstriert. Der Respekt der anderen Bier-Touristen ist ihm sicher. Echte Bayern sowie Faschingionistas und eigentlich jeder mit etwas Verstand und Anspruch macht lieber einen Bogen um die Leute, da die mit hoher Wahrscheinlichkeit 3 bis 6 Sturz-Maß später in ihrem eigenen Erbrochenen liegend dem Outfit eine angemessene Würdigung erteilen. Vorteil dieser Art von Kostüm: wegschmeißen und neu kaufen kommt billiger als die Reinigung. Zumindest wenn es sich nicht gerade um ein Plastik-Kostüm handelt. Die lassen sich leicht mit dem Gartenschlauch wieder auf Vordermann bringen und halten so vielleicht für den Rest des Urlaubs.
 
Aber was soll man von Touristen auch schon erwarten, wenn doch nicht einmal viele Deutsche den Unterschied zwischen einem Volksfest und Karneval verstehen? Die haben jedenfalls Spaß und wir was zum Kopfschütteln und uns besser fühlen. RTL2-live quasi.

Wie dem auch sei, wer auf’s Oktoberfest geht braucht in jedem Falle eine gesunde Portion Humor und Gelassenheit neben einem Brathendl und ein paar Maß Bier. Ich betrachte die unterschiedlichen Spielarten der Wiesenbesucher jedenfalls gerne mit der Neugier eines Zoologen. Also mit Abstand und nur wenig Interaktion. Prost!

Wiesnromantik pur!

Wiesnromantik pur!

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